Mittwoch, 20. April 2011

Gelogenes Leben- Loveless

Gelogenes Leben-Hilfloses sterben
Wie immer, wache ich auf, ganz plötzlich, ohne mehr als drei Minuten geschlafen zu haben und ohne ersichtlichen Grund. Ich bin einfach da. Existiere. Und ich muss feststellen, dass ich eine weitere Nacht, zumindestens bis jetzt, überstanden habe, doch alles immer noch so ist wie sonst. Langsam schlürfe ich aus meinem Zimmer und gehe ins Badezimmer. Ich schaue in den Spiegel und mustere meinen Körper. Immer mehr, beuge ich mich über das Waschbecken, bis ich mit meinem Gesicht fast die kalte Oberfläche des Spiegels berühre. Ich mag es nicht, ich will ein anderes haben, eines, welches nicht so gelangweilt und unglücklich schaut.
Draußen ist es immer noch dunkel, es ist zwei Uhr früh und ich habe bisher nicht richtig geschlafen, obwohl mir fast die Augen zufallen. Es war nicht die erste schlaflose Nacht in dieser Woche. Ich gehe ein paar Schritte zurück und setze mich auf den Badewannenrand, ohne den Blick von meinem Spiegelbild abzuwenden. Dann, knie ich mich auf den Boden und krame eine Schachtel unter dem Schränkchen hervor, mit zitternden Händen öffne ich sie. Sie ist gefüllt mit Verbänden, Pflastern, einem Blutstopper und drei Rasierklingen. Nervös greife ich nach einer und lehne mich gegen die Badezimmertür. Wahrlich langsam, führe ich die kalte Klinge mein Schienbein hinab, dann schneide ich mich, ich lege meinen Kopf zurück und schließe meine Augen, ein besänftigendes Gefühl, so warm, und mit jedem weiteren Schnitt, drücke ich ein wenig fester, vollkommen unkontrolliert an welcher Stelle ich die Klinge erneut ansetze. Die Wunden klaffen sofort auf und das Blut ziert meine blasse Haut. In diesem Moment, fühle ich mich geborgen, als ob alles in Ordnung wäre. Mit meinen Fingerkuppen streife ich behutsam über meine Narben. Ich mag diese Unebenheiten sehr, auch wenn ich das niemals zugeben würde. Mein Herz klopft so laut, vor Angst jemand könnte mich erwischen, sodass ich es deutlich hören kann. Ich warte einen Moment und versichere mich, dass niemand kommt, dann wende ich mich wieder mir selbst zu und ritze mich erneut, dieses Mal tiefer als es die anderen Schnitte sind. Das Blut läuft unkontrolliert mein Schienbein herab und ich werde unruhig, panisch drücke ich, einen bereits benutzten, Verband an mein Schienbein, um die Blutung einigermaßen aufzuhalten. Schnell schmiere ich etwas Blutstopper über die Wunden. Es brennt unheimlich, doch das ist mit egal, es beruhigt mich irgendwie.
Ich habe nichts, an was ich mich klammern könnte, gar nichts. Ich würde gerne alles aus mir rausschneiden, alles schlechte, ich finde mich so abstoßend! Sterben will ich nicht, ich will nur tot sein. Tag um Tag sterbe ich ein Stück mehr- verliere mich selbst im Abgrund meiner Seele. Nein, die Frage ist nicht wer mich lassen, sondern wer es schaffen wird mich aufzuhalten. Ich habe mich verändert, ich bin nicht mehr das fröhliche, lustige Mädchen von früher, doch das versteht niemand. Keiner weiß, wie ich mich in meinem inneren fühle, erst wenn es zu spät ist, werden sie darüber nachdenken. Ich habe in meinem Leben jedem Menschen vergeben, nur mir selbst nie. „Nimm mich in den Arm, aber bitte fass mich nicht an. Komm mir nicht zu nahe, denn ich würde dich nur verletzen. Gib mir deine Hand, aber lass mich bitte los… Ich möchte dich nicht mitziehen!“, formen meine Lippen wortlos.
Eine vertraute Person läuft mir entgegen und fragt mich, wie es mir denn ginge. Lächelnd antworte ich in einem übertrieben glücklichen Tonfall: „Gut!“ Und wieder habe ich gelogen, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte die Wahrheit zu sagen und nicht mehr hinter einer Maske zu leben. Diese Wahrheit, bereitet nun mal mehr Schmerzen, auch wenn es mir die letzte Kraft raubt sie zu verbergen. Ich habe schon genug Mühe damit, zu überleben. Wie lange wird es noch dauern? Ich will nicht mehr, es tut mir leid, aber ich kann diese Lügen nicht mehr ertragen…!